Werder hält zusammen, wenn es eng wird. Schon immer

Zusammenhalten, unterstützen, helfen und durchhalten – Werder musste sich oft behaupten. Und hat das in Krisenzeiten auch getan. Ein Blick in die Geschichte

Werdersche Familie 1904. Foto: Sammlung Dr. Martin
Werdersche Familie 1904. Foto: Sammlung Dr. Martin

VON DR. BALDUR MARTIN, ORTSCHRONIST

Vieles, was Ihnen in den Jahrhunderten in teils bösartiger Weise angehängt wurde, mussten die Werderschen über sich ergehen lassen. Angefangen beim Amtsrichter Irmisch im Mittelalter bis hin zu reputierlichen Schreibern des 19. Jahrhunderts. Die Bewohner der Stadt nahmen es mit Gelassenheit. Was man ihnen aber nie absprechen konnte und kann sind ihr Zusammengehörigkeitsgefühl und das gegenseitige Einstehen in schwierigen Zeiten.

Auch heute noch ein von Fremden häufig bestaunter, wenn nicht gar mit Unverständnis belächelter Charakterzug. Bemühungen, das „aufzubrechen“, scheiterten meist an der stoischen Ruhe und Durchhaltekraft der hier seit vielen Generationen Wohnenden. Für all diese Verhaltensweisen liefert die Geschichte Werders reihenweise markante Belege. Viele wurden von den Chronisten der Nachwelt erhalten.

Es war im Mittelalter. Der 30-jährige Krieg war vorüber und es sollte Frieden herrschen. Das dachten wenigstens die geschundenen und nun hoffenden Bewohner der Dörfer in Werders Umgebung. Aber noch zogen Söldnertruppen unterschiedlicher Art marodierend durch die Mark. Mit Sack und Pack flohen ganze Familien, alles zurücklassend, und fanden Unterschlupf auf der relativ sicheren Insel. Innerhalb kurzer Zeit verdoppelte sich fast die Einwohnerzahl Werders. Und die Stadt half den Geflüchteten fürsorglich.

Auch während der Besatzung durch die Truppen Napoleons hatten die Einheimischen mächtig gelitten. Dazu kam 1808 teilweise noch eine große Hungersnot, die viele Opfer forderte. Die Bürgerschaft konnte die das Maß weit überschreitenden Kosten der Einquartierung und die immensen Contributionen nicht mehr zahlen. Dreimal sprangen insgesamt sechs Handwerker und Händler ein, die noch etwas hatten, und verliehen über 2.000 Taler, um die Außenstände zu begleichen und weiteren Eintreibungen entgegenzuwirken. Ein für die damals so angespannte Zeit bewundernswerter, fast heroischer Vorgang, der von Ansässigen hoch gewürdigt wurde.

Einen unglaublichen Gemeinschaftssinn entwickelten die Werderschen Obstzüchter häufig in wirtschaftlicher Hinsicht. So auch bei der Vermarktung ihrer Früchte nach Berlin. Mit ihren Schuten ruderten deren Frauen ab 15 Uhr das Obst die Nacht über bis morgens gegen 3 Uhr in die Friedrichstraße oder noch weiter. Wenn Sie über Tags zurückkamen, versorgten sie selbstlos ihre arbeitenden Familien. Nachdem die Fracht zu umfangreich geworden war, entschloss sich die Obstzüchtergenossenschaft, in der fast kein Einwohner fehlte, zusammenzulegen. Das Ergebnis war: Sie konnten sich ein gemeinsames Dampfschiff in Dienst stellen.

Vornehmlich auf wirtschaftlichem Gebiet gibt es eine Reihe solcher Beispiele: Als sich auf Initiative einiger führender Geschäftsleute die Pferdebahn - Gesellschaft gründete, waren die Aktien innerhalb weniger Monate gezeichnet; Bürgermeister Dümichen fand sofort offene Ohren, während er die gemeinsame Trinkwasserleitung und das Wasserwerk bauen ließ. Im kollektiven Gedächtnis der Stadt prägten sich diese und andere Taten auf Dauer ein.

Zusammen hielten die Werderschen auch, nachdem in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Verbindung mit der Bevölkerungszunahme besonders heimtückische Infektionskrankheiten wie Diphtherie, Keuchhusten und Tuberkulose über die Menschen herfielen. Werder war auch betroffen, aber nicht so stark wie andere Gebiete im Fläming und im übrigen Havelland. Weil: die Bewohner nahmen Hinweise auf Verhaltensregeln sehr ernst, die vom Kreisphysikus (Kreisarzt) über ihre zwei Ärzte verbreitet wurden.

Besonders der Dr. Winter wurde, ob seiner Einsatzbereitschaft und seiner Durchsetzungskraft, hoch geschätzt und geachtet. Hoch zu Pferd brachte er auch Kranken in den umliegenden Dörfern Hilfe. Zusammen mit der relativ isolierten Arbeit der Familien auf dem Obstland und der frischen Luft ließ sich manches leichter überstehen. Auch die nachbarschaftliche Hilfe im Kranksein und die ausgeprägte Gewohnheit, Regeln einzuhalten, trugen zur erfolgreichen Einschränkung des drohenden Unheils bei. Trotzdem schmerzte jeder Verstorbene.

Eine unglaubliche Energie bewiesen die Einwohner des Inselstädtchens 1945 nach dem Zusammenbruch aller gesellschaftlichen und materiellen Werte. Sie schafften es, die Zerstörung ihrer Stadt zu verhindern, indem sie sich fest auf einige ihre Mitbürger verließen. Dann kamen die Sowjets. Vom Flugplatz aus requirierten sie fast die gesamte Stadt. Selbst auf der Insel waren Einquartierungen. Die Werderschen wurden in die Wirtschaftsgebäude und Remisen abgedrängt. Erst im Laufe der Jahre zogen sich die Sowjets hinter die Linie Marienstraße/ Marienweg Richtung Norden zurück.

Doch das war noch nicht belastend genug. Unglaubliches Verständnis und viel Geduld mussten die hier Wohnenden aufbringen, als in Kolonnen die Aussiedler aus den Ostgebieten eintrafen und sich die Einwohnerzahl um circa 50 Prozent erhöhte. Jede Familie bekam Untermieter. Jede Kammer, ganz gleich, ob beheizbar oder nicht, jedes angebaute Altenteil musste freigegeben werden. Und das Erstaunliche: Die Eingliederung gelang relativ rasch, wenn auch oft ziemlich schmerzlich. Die Neuankömmlinge fanden von allen Seiten Unterstützung zum Aufbau ihrer Existenzen. Und das im Interesse aller.

Wieder hatte Werder bewiesen, was vollbracht werden kann, wenn der Zusammenhalt triumphiert, man besonders in Notlagen auf kleinliches Gezänk verzichtet, sich gegenseitig zum Wohle der Stadt hilft und unterstützt und vorübergehend das „Ich“ mal beiseite schiebt.

Werder (Havel), 28.03.2020