„Ich habe ein Helfersyndrom“

In der Anlaufstelle für Atemwegserkrankte arbeiten auch zehn Mitarbeiter der Stadtverwaltung. Wir haben eine Mitarbeiterin gesprochen

Bei Atemwegserkrankungen gilt es für Patienten aus dem Raum Werder (Havel) seit dem 18. März, die Anlaufstelle in der Turnhalle des Ernst-Haeckel-Gymnasiums anzusteuern. Ziel der Anlaufstelle ist es, eine zentrale Adresse für alle Menschen mit Atemwegsinfektionen an einem weiträumigen Ort zu haben, an dem man Corona-Verdachtsfälle sicher von anderen Patienten absondern kann. Das geht in einer kleinen Arztpraxis oft nicht. Mit der Anlaufstelle soll also der mögliche Kontakt von Werderaner Hausarztpraxen und deren Patienten mit potenziellen Coronafällen vermieden werden.

Aber wie ist es eigentlich zu dieser Idee gekommen? „Bevor die Anlaufstelle gegründet wurde, gab es ein Treffen von einer Handvoll Hausärzten aus dem Raum Werder", so Dr. Christine Falk von der Ärzteschaft in einem Interview. "Wir hatten alle ein Schreiben der Kassenärztlichen Vereinigung in der Hand, in dem wir darum gebeten wurden, uns zu überlegen, wie man gefahrlos Abstriche bei Verdachtsfällen auf Covid-19 machen kann. Nach dem Gespräch sind wir mit der Stadt in Kontakt getreten und hatten dann noch am selben Wochenende große Unterstützung. In kürzester Zeit wurde ein Konzept auf die Beine gestellt.“

Stefan Marten vom Krisenstab der Stadtverwaltung ergänzt: „Am Sonntag, dem 15. März, fand ein erstes Treffen des 1. Beigeordneten Christian Große mit den Ärzten statt. Bereits am 18. März ging es in der Turnhalle los, 99 Patienten kamen am ersten Tag.“ Im Vergleich zu vielen anderen Gemeinden wurde eine gute Ausstattung mit wichtigen Schutzmaterialien organisiert, dafür gab es großes Lob von der beteiligten Ärzteschaft.

Für das beauftragte Team der Stadtverwaltung heißt das, dass Tag für Tag und oft bis in die Nacht hinein telefoniert, organisiert, beschafft wird. Nicht nur die so wichtige Schutzausrüstung, sondern beispielsweise auch Fieberthermometer, Druckertoner, Batterien, Mittagessen für die Beschäftigten in der Turnhalle oder die Möglichkeit für die Ärzte und Helfer, Einkäufe per E-Mail zu bestellen und dann nur noch abzuholen.

Neben den 16 Hausärzten der Region und ihren Praxismitarbeiterinnen haben sich zehn Mitarbeiter der Verwaltung freiwillig gemeldet, in der Anlaufstelle zu arbeiten. Dazu kommt noch eine Mitarbeiterin des Medizinischen Dienstes der Krankenkasse.

Christine Steinbach ist eine der Freiwilligen aus der Stadtverwaltung, sie hat uns ein paar Fragen beantwortet.

Wie geht es Ihnen?

Mir geht's großartig nach einer Woche Osterurlaub. Am Ostermontag war ich wieder in der Turnhalle. Wir hatten am Karfreitag und Ostermontag auch offen, das Virus macht ja keine Osterferien.

Wie kamen Sie zu diesem „Job“?

Die Stadtverwaltung hat beschlossen, die Ärzte zu unterstützen. Da ich ein Helfersyndrom habe, fand ich das richtig für mich, mich zu melden und dort mitzuhelfen. Ich mache das gern.

Wie wurden Sie auf diese Tätigkeit vorbereitet?

Wir erhielten einen zwar schnellen, aber fundierten theoretischen und einen praktischen Lehrgang, da wurde uns erklärt, was von uns erwartet wird und wie wir den Leuten gegenüber auftreten sollen. Erklärt wurde unter anderem, wie wir einen Fragenkatalog abzuarbeiten haben, um die Patienten triagieren, also in die drei Wartebereiche sortieren zu können. Sind Sie erkältet, welche Symptome haben Sie, haben Sie Fieber, hatten Sie Kontakt zu einem Positiv-Getesteten, kommen Sie aus einem Risikogebiet und so weiter.

Waren Sie schon in die Vorbereitungen eingebunden?

Als ich das erste Mal an der Turnhalle war, trafen sich gerade die Ärzte und besprachen für sich die Abläufe. Sie haben auch die Triage für uns herausgearbeitet - alles angelehnt an die Empfehlungen des RKI. Wir haben dann die Turnhalle eingerichtet, Banner und Plakate mit den Verhaltensregeln gedruckt, Stühle aufgestellt und so weiter. Auf dem Fußboden haben wir Pfeile geklebt, so dass die Leuten wissen, wo sie lang laufen müssen. Die Turnhalle ist in drei Wartebereiche eingeteilt. A, B und C. Zwei Bereiche sind für leichte und schwere Erkältungen. Ein separater Bereich ist für Corona-Verdachtsfälle. Dort stehen die Stühle besonders weit auseinander. Corona-Verdachtsfälle bekommen einen Mundschutz. Sie haben einen eigenen Wartebereich und werden als erstes behandelt und sofort wieder entlassen.

Wie war der erste Tag?

Wir waren alle sehr aufgeregt, weil wir nicht wussten, was uns erwartet. Wir dachten, die rennen uns die Bude ein. Wie verhalten sich Menschen, die verunsichert sind und dadurch vielleicht energisch oder aggressiv werden? Dann war es aber relativ entspannt. Da war für mich auch klar, dass es auch Freude macht. Natürlich haben die Patienten Angst, sind verunsichert, aber meist kann man ihnen mit wenigen Sätzen diese Angst nehmen. Am ersten Tag hatten wir noch die längsten Wartezeiten bis zu zwei Stunden, weil am ersten Tag nur zwei Ärzte da waren. Aber in einer Arztpraxis wartet man auch manchmal stundenlang. Aber das hat sich in den folgenden Tagen dann eingespielt, wir wussten, freitags kommen nicht so viele, da reichen zwei Ärzte. Montags kommen viele, also besser drei Ärzte. So lernen auch wir, mit den Gegebenheiten vor Ort umzugehen.

Wie sind die Schutzmaßnahmen für die Helfer?

Wir sind komplett ausgerüstet. Wenn die Patienten in die Turnhalle kommen, müssen sie sich als erstes die Hände desinfizieren. Wir selbst tragen Handschuhe, Kittel, Mundschutzmaske und eine Brille. An der zweiten Station, an der die Triage abgefragt wird, gibt es nochmal Desinfektionsmittel, es werden die zwei Meter Sicherheitsabstand eingehalten. Dadurch, dass wir komplett in Schutzkleidung stecken, fühle ich mich sehr sicher. Keine Angst vor Ansteckung. Es gibt keinen Wissensverlust, jeden Morgen vor Beginn der Tätigkeit tauschen sich die Teams aus.

Ist es anstrengend, fünf Stunden mit der Maske zu arbeiten?

Wenn ich die absetze, braucht die Haut ein, zwei Stunden, bis sie sich wieder beruhigt hat. Die sitzt ja fest auf der Nase. Der erste Tag war komisch, mittlerweile ist das Standard: Man geht rein, desinfiziert sich, steigt in die Kleidung und dann geht’s los.

Wie verhalten sich die Patienten?

Die Patienten sind diszipliniert. Viele bedanken sich, dass wir das machen. Wenn man das sagen darf - in dieser Situation - macht mir das wirklich Spaß, dort zu arbeiten. Weil man das Gefühl hat, man hilft dem Ein oder Anderen. Ich habe das Gefühl, etwas Gutes zu tun. Und so wird das auch von den Patienten angenommen.

Und die Ärzte? Wie ist die Zusammenarbeit?

Ich kann natürlich nur sprechen für die Tage, an denen ich da bin. Wir haben ein tolles Team, lachen auch gemeinsam. Es ist komplikationslos, ein sehr angenehmes Miteinander mit den Ärzten.

Welche Aufgaben haben Sie sonst in der Stadtverwaltung?

Meine eigentliche Aufgabe in der Tourist-Information ist das Kurbeitrags-Management. Das heißt, ich betreue die Gastgeber in unserer Stadt, rechne Kurbeiträge ab, stehe für Fragen zur Verfügung, stelle Informationsmaterial zusammen, helfe im Marketingbereich. Momentan haben sich die Aufgaben ein wenig umverlagert, weil die Tourist-Information ja geschlossen ist. Aber wir bereiten uns auf die Saison vor, sichten das Informationsmaterial, schauen, ob wir das optimieren, anpassen können. Wir informieren unsere Gastgeber und Unternehmen, wenn es beispielsweise neue Informationen gibt vom Tourismusverband oder ähnliches. Da werden ja beispielsweise Webinare angeboten, wie sind die Corona-Regeln, wie verhalte ich mich als Gastgeber, darf ich überhaupt Gäste aufnehmen. Da stehen ja viele Fragen im Raum. Mit E-Mails halte ich unsere Gastgeber auf dem Laufenden. Zudem sind wir auch so eine Art „Frage-Antwort-Station“. Neben dem Bürgerservice rufen auch bei uns viele Leute an, die Ansprechpartner in der Stadtverwaltung brauchen oder auch wissen wollen, wann sie wieder vermieten dürfen oder wie sie derzeit mit Anfragen von Gästen umgehen sollen. Auch da gibt es keine Langeweile.

(notiert von Ellen Fehlow)

Werder (Havel), 17.04.2020