Herr Ramazani und seine Nähmaschine

Reza Ramazani näht Community-Masken für Werderaner Einrichtungen, die sie dringend brauchen. Er arbeitet schnell und kostenlos. Der afghanische Flüchtling ist Schneider

Reza Ramazani an seiner Nähmaschine. Foto: elfe
Reza Ramazani an seiner Nähmaschine. Foto: elfe

Geschickt falten die Hände das weiße Band, die Nähmaschine summt, die Naht wird wie die folgenden schnurgerade. Reza Ramazani sitzt am Freitag an der Nähmaschine in der Werderaner Klimawerkstatt. Hier entstehen derzeit viele der so dringend benötigten Alltagsmasken. „150 Stück sollen wir am Montag abgeben“, sagt Editha Stürtz-Frase vom Netzwerk Neue Nachbarn. „Aber das schaffen wir nicht“, relativiert sie und will Reza Ramazani damit eine kleine Brücke bauen.

Doch seine Antwort lautet: „Okay, heute mache ich 80 Stück“. Auf dem Tisch liegen schon dutzende Masken, an denen nur noch die Bänder fehlen. Das wird wieder ein langer Tag für den Familienvater. Manchmal bringt ihm dann seine Frau das Essen in die Klimawerkstatt. Mit seiner Frau und den drei Kindern wohnt Reza Ramazani in einer kleinen Wohnung in der Blütenstadt. Die beiden größeren Kinder - 11 und 13 Jahre alt - gehen hier zur Schule, das jüngste ist noch keine zwei Jahre alt.

Bevor er die Näharbeiten in die Klimawerkstatt verlegte, arbeitete er zu Hause abends und nachts am Couchtisch. „Das war nicht so gut für den Rücken“, bestätigt der 38-Jährige, der in seiner Heimat als Schneider gearbeitet hat. Er stammt aus der kriegsgebeutelten westafghanischen Provinz Herat und musste sein Land vor vier Jahren verlassen. Über verschiedene Flüchtlingsunterkünfte kam er nach Werder, er darf aufgrund seines anerkannten Status’ eine Tätigkeit ausüben, ist derzeit aber leider arbeitslos.

Auch seine Nähmaschine blieb in der Heimat zurück. Zuhause nähte er Sporttextilien, sagt er und ärgert sich wieder, wenn sein Deutsch noch nicht ausreicht, sodass sein Gegenüber sofort alles versteht. Seine Kinder könnten Deutsch schon viel besser, stellt er fest und auch, dass er aber mit ihnen mitlernen kann.

„Nach der Flucht ging es ihm nicht so gut“, berichtet Stürtz-Frase über die verständlich traumatischen Auswirkungen. „Wir haben ihn gefragt, wie wir ihm helfen können“. Sein größter Wunsch sei eine Nähmaschine gewesen. Aus Spendengeldern wurde ihm über das Netzwerk Neue Nachbarn eine gekauft. Inzwischen seien sogar Fördergelder dafür möglich.

Nachdem er den Näharbeitsplatz in die Klimawerkstatt verlegen konnte, verbringt er hier viele Stunden, um mit der sinnvollen Beschäftigung „Deutschland etwas zurück zu geben“. Denn Geld bekommt er nicht dafür, sei aber dankbar für Spenden, die Editha Stürtz-Frase manchmal für die Masken erhält. Den Stoff besorgt sie auch. „Das ging hier im Uferwerk schnell“, freut sie sich. Sie hätte nur einen Post an der elektronischen Pinnwand machen müssen, dann kamen viele Stoffspenden.

Inzwischen würden die Maskenempfänger schon Wünsche äußern: bunte Bänder oder Gummibänder zum Befestigen - je nach Geschmack der künftigen Träger. Freuen konnten sich neben anderen Institutionen beispielsweise Hausarztpraxen, das Seniorenheim „Blütentraum“, die Seniorenresidenz Glindow, die Hauskrankenpflege „Karina“, das Betreuungsangebot „VergissMeinNicht“, das Casa Reha am Zernsee, das Rathaus und Kitas der Stadt Werder, Mitarbeiter der Agentur für Arbeit, die Wohngenossenschaft Uferwerk, das Oberlinhaus Potsdam und die evangelische Kirchengemeinde Werder über die Alltags-Masken.

Der Bedarf ist noch lange nicht gedeckt, schließlich müssen die Masken nach der Benutzung gewaschen werden, pro Person braucht man also eine gewisse Ausstattung. Deshalb näht Reza Ramazani weiter. Und nicht nur er - im Netzwerk gibt es viele weitere fleißige Hände. Bis zur Aufhebung der Beschränkungen können weder Begegnungscafés noch Deutschkurse oder Hausaufgabenhilfen für Geflüchtete stattfinden, bedauert Stürtz-Frase. Man verständige sich aber über Whatsapp-Gruppen oder Telefonate.

Für Reza Ramazani könnte sie sich vorstellen, dass er sich mal in Werder mit einem kleinen Schneiderstübchen selbstständig macht - das würde auch dem Familienvater gut gefallen. Und immer weiter summt die Nähmaschine, seine Hände bleiben in Bewegung - 150 Masken bis Montag. Das schafft er.

(Text: Ellen Fehlow)

Reza Ramazani mit Editha Stürtz-Frase. Foto: elfe
Reza Ramazani mit Editha Stürtz-Frase. Foto: elfe

Werder (Havel), 27.04.2020