Ein unerwarteter Gast

Türgespräch mit Andrea Scheller, die bis 1975 im Lindowschen Haus lebte und dort ihre Kindheit und Jugend verbrachte

Fotos: Stadt Werder (Havel) / elfe
Fotos: Stadt Werder (Havel) / elfe

Andrea Scheller klopfte in dieser Woche an die Tür des Lindowschen Hauses. Sie wollte eigentlich den 7. Band unserer Stadt-Chronik kaufen. Doch unsere Tourist-Information ist aus bekannten Gründen geschlossen, der Verkauf der Chroniken erfolgt ausschließlich auf telefonische oder E-Mail-Anfrage per Postversand und auf Rechnung.

Im Gespräch vor der Tür und selbstverständlich auf Abstand erfuhren wir, dass das Haus für Andrea Scheller nicht nur einfach die Tourist-Information im Lindowschen Haus, sondern mit vielen Erinnerungen und Emotionen verbunden ist. „Hier habe ich gewohnt“ – ein Satz, der natürlich sofort unser Interesse weckte.

Andrea Scheller ist eine geborene Lindow und Tochter vom in der Blütenstadt bekannten Fliesenlegemeister und Kaminbauer Klaus Lindow. 1960 geboren verlebte sie hier ihre Kindheit und Jugend, bis sie 1975 das elterliche Haus verließ. Und das will sie sich nun nach der umfangreichen Sanierung in Ruhe anschauen, sobald es wieder möglich ist.

Einiges wird sie dann bei der Führung wiedererkennen: bei der Sanierung wurden unter anderem historische Fenster und Türen, eine Räucherkammer, ein alter Fliesenspiegel, eine historische Kochstelle und eine Wandbemalung erhalten. Auch die steile Holzstiege, die ehemals auf den Dachboden führte und die nun als kleine Ausstellungsfläche für die Geschichte des Obstanbaus genutzt wird, sprang Andrea Scheller als Kind und Jugendliche hinab.

„Runtergefallen bin ich auch so manches Mal“, erinnert sie sich lächelnd. Ebenso in ihrem Gedächtnis geblieben ist das alte Plumpsklo, welches von der Straße aus gesehen rechts hinter einem Schuppen stand. Links steht noch immer die zum denkmalgeschützten Ensemble gehörende alte Obsthütte. „Das war unsere Garage“, erklärt Andrea Scheller die Umnutzung durch ihre Familie während der 1960-er und 70-er Jahre.

Natürlich nicht erinnern kann sich die Werderanerin an den Bau des Hauses. Während der Sanierung des Gehöftes sind Überreste aus dem 18. Jahrhundert gefunden worden. Bislang war man vom Baujahr um 1839 ausgegangen. Möglicherweise stand hier also bereits früher ein anderes Haus, von dem dann Teile wiederverwendet wurden. Seitenflügel (etwa 1902) und Remise mit Stall und Waschküche (etwa 1931) wurden später errichtet.

Das Lindowsche Haus gilt neben dem Scharfrichterhaus als eines der ältesten Gebäude auf dem „Festland“ und als eines der letzten erhaltenen Obstbauerngehöfte des alten, urwüchsigen Typs. Ende 2017 begannen Umbau und Sanierung durch die Stadt Werder (Havel).

Als ihre Großeltern 1960 mit den Söhnen die DDR in Richtung BRD verließen, blieb ein Sohn – Klaus Lindow – mit seiner Frau in der Stadt zurück. Warum ist er nicht mit in den Westen gegangen? Die Frage ist schnell geklärt, Andrea Scheller verweist auf ihr Geburtsjahr. Zum Zeitpunkt der Ausreise der restlichen Familie war die Mutter mit Andrea schwanger.

Ihre Tourist-Information

Werder (Havel), 24.03.2021