Ein Frühlingsspaziergang durch die Glindower Alpen

Das rund 120 Hektar große Gebiet am Rande des Glindower Sees ist eine selten vielfältige Naturraumschönheit

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Es zwitschert, klopft, knarrt, quietscht und summt – auch im Naturschutzgebiet Glindower Alpen setzt sich der Frühling langsam aber sicher durch, auch wenn sich manche Spaziergänger Anfang April höhere Temperaturen wünschten.

Wandern oder spazieren ist ja das neue Tanzen. Nicht erst seit dem Corona-Jahr 2020 boomt der Wandertourismus, das Interesse nimmt vielmehr seit Jahren stetig zu. In Brandenburg gibt es rund 2000 Kilometer Wanderwege mit besonderer touristischer Relevanz, wie das Tourismusnetzwerk Brandenburg weiß, darunter sogar 700 Kilometer, die mit dem Gütesiegel „Qualitätsweg Wanderbares Deutschland“ zertifiziert sind.

Dazu gehören die am besten mit festem Schuhwerk zu bewandernden Wege durch die Glindower Alpen nicht. Dennoch ist ein Spaziergang durch das wildschöne Gebiet im Werderaner Ortsteil Glindow spannend, erholsam und auf Grund einiger Hinweistafeln lehrreich.

„Glindow“ heißt Lehm

Mit den „Alpen“ und entsprechend hohen Bergen haben die Erdeberge am nördlichen Rand der Grundmoränenplatte Lehnin-Glindow nichts zu tun. Denn die Glindower Alpen sind als Tonabbaugebiet von Menschenhand mühevoll geschaffen worden.

Und deshalb holen hier wir mal etwas weiter aus und graben in der Geschichte: Schon 1238 wird Glindow mit dem slawischen Namen „Glina“ das erste Mal erwähnt, der Name bedeutet „Ton“ oder „Lehm“. Und der hier unter durchschnittlich elf bis 17 und sogar bis zu 30 Meter dicken Sand- oder Lehmschichten liegende Ton wurde ab dem 15. Jahrhundert im Auftrag der Zisterzienser abgebaut.

Ab 1683 wurde der Ton dann vor Ort in Ziegeleien verarbeitet, wie unter anderem in der „Ziegeleigeschichte der Region in sechs Jahrhunderten“ vom Förderverein Historische Ziegelei Glindow e.V.  oder im Band 4 unserer Werder-Chronik zu lesen ist. Anschaulich wird beschrieben, wie hart die „Tongräber“ ohne technische Hilfsmittel schuften mussten, um an den Ton zu kommen.

Für den Wohlstand der „Ziegelei-Barone“ sorgten die schwer arbeitenden Arbeiter, sogar die Kinder mussten mit ran. Nach dem Entfernen der Abraumschichten wurde der Ton mit dem Spaten abgestochen und in von Pferden gezogenen Loren über die Feldbahngleise in die Ziegeleien gebracht. Für den Abbau der Tonvorkommen verloren einige Bauern ihre Äcker und erhielten eine in ihren Augen „kleine“ Entschädigung.

Wie die „Alpen“ entstanden

Mit dem Abbau des Tons und der Lagerung des Abraums erfolgte also schrittweise im Laufe der Jahrhunderte eine für die Gegend ungewöhnliche Folgelandschaft mit tiefen Schluchten, Wällen, mehr oder weniger dichtem Waldbewuchs, Wasserlöchern und Plateaus. Viele Millionen der in den Glindower und umliegenden Ziegeleien in der Region Petzow und Werder gebrannten gelbbräunlichen Ziegel wurden in Berlin und Potsdam verbaut – noch heute als Zeitzeugen in Straßen, Villen, Wohnhäusern und Schlössern zu sehen.

Um 1900 waren die Tonvorkommen in Glindow erschöpft, das Gelände konnte von der Natur zurückerobert werden. In den Kartenwerken ist aber noch immer von „Erdeberge“ die Rede – wie kam es nun zu dem Namen „Glindower Alpen“? Zwei Varianten sind im Umlauf.

Die eine berichtet, dass aus dem Süden Deutschlands stammende Arbeiter die Erdeberge scherzhaft mit ihren heimischen Alpen verglichen. Allerdings waren in den hiesigen Ziegeleien nachweislich viele Saisonarbeiter aus dem westfälischen Lippe im nordöstlichen Teil vom heutigen Nordrhein-Westfalen tätig.

In der anderen Variante soll der findige Wirt der Gaststätte am Fuße der Erdeberge für die Namensgebung verantwortlich sein. Auch sein Restaurant nannte er dann „Gaststätte Glindower Alpen“. Berliner Ausflugsgäste kamen besonders in den zwanziger und folgenden Jahren zu Hauf, um der dreckigen Großstadt zu entfliehen und die frische Luft zu genießen. Aus Spandau mit dem Dampfer kommend, konnten sie von der Anlegestelle am Glindower See aus direkt „ins Jrüne“ wandern.

Zu DDR-Zeiten war die Gaststätte ein Ferienheim, deren Gäste, andere Urlauber und natürlich auch die Glindower selbst nutzten die „Alpen“ als Naherholungsgebiet. Hier wurde im Winter gerodelt, zu Ostern trudelten die Eier, im Sommer wurden Buden gebaut. Die Arbeitsgemeinschaft Junger Naturschützer der Glindower Schule brachte 1986 erste Wegmarkierungen an.

Die Natur führt Regie

Nach der Wende waren es Kräfte aus Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen, die Wege bauten und den Naturlehrpfad anlegten. Seit 1995 steht das ganze Gebiet unter Naturschutz, rund 100 Hektar gehören zu den geschützten Fauna-Flora-Habitaten des Landes Brandenburg.

Außerdem sind die Alpen Teil der „Managementplanung Natura 2000 im Land Brandenburg“, zu der auch die „Lehniner Mittelheide und Quellgebiet der Emster“, der „Kleine Plessower See“ und der „Krielowe See“ gehören. Über das Land Brandenburg wird dabei ein regelmäßiges Monitoring und gegebenenfalls Maßnahmen organisiert.

Da es in den Alpen keine forstwirtschaftliche Nutzung gibt, fühlen sich hier viele Tiere, Pflanzen, Klein- und Kleinstlebewesen wohl, auch im Totholz, das nicht beräumt wird. Dschungelartig anmutend, durchwandern wir eine Landschaft, in der man teilweise wirklich steile Abstiege wagen kann. Kenner entdecken in dem Biotopreichtum unterschiedlichsten, teils selten gewordenen Bewuchs.

Zu entdecken sind unter anderem Eichen, Linden, Ahorne, Eschen, Kiefern, Birken und Robinien halten sich in dem immer noch lehmhaltigen Boden fest. Einige solitär stehende Bäume sind beschildert. Zu den fliegenden Bewohnern der Alpen gehören unter anderem verschiedene Spechte, Neuntöter, Eisvogel, Heidelerche, Rotmilan und viele weitere Vogelarten sowie sieben verschiedene Fledermausarten.

Weiter Blick in die Havellandschaft

Im nordwestlichen Bereich, am Belvedere, genießt der Wanderer auf dem großen sandigen Plateau mit dem ökologisch wertvollen Trockenrasen einen unglaublich schönen und weiten Blick über die Havellandschaft. Nach links geht der Blick zu Plessower See oder über den Glindower Kirchturm bis zum Wachtelberg in Phöben. Nach rechts Richtung Norden über den Werderschen Kirchturm der Inselstadt in Richtung Potsdam und Berlin.

Zu den Füßen der Wanderer wachsen neben den Trockengräsern auch andere anspruchslose Pflanzen wie Moose, Sandstrohblumen, Heidenelken, Grasnelken, Wurmfarn oder Schafgarbe. Nicht nur in diesem Bereich, sondern im gesamten Gebiet gibt es unzählige Käferarten, beispielsweise immer seltener werdenden grüngoldig-schimmernden Großen Rosenkäfer.

Viele Wege führen durch die Glindower Alpen, ein Einstieg befindet sich am Parkplatz vor dem Ziegeleiturm. Hinter dem Firmengelände der Ziegelei gibt es noch ein paar Meter Schienen der alten Lorenbahn. Früher gingen die Gleise bis zum Hexenpfuhl. Planungen einer Kleinbahn vom Ziegeleimuseum bis zum Forstweg wurden von der unteren Naturschutzbehörde im Sinne des Naturschutzes gestoppt.

Die Tourist-Information der Stadt Werder (Havel) hält einen kostenlosen Flyer des Glindower Heimatvereines mit den Wanderwegen durch die Glindower Alpen bereit. Der Heimatverein Glindow e.V. veranstaltet mehrmals im Jahr kostenlose Führungen durch die Alpen. Termine werden auf der Internetseite des Vereins veröffentlicht.

Ihre Tourist-Information

 

 

 

 

 

 

Werder (Havel), 9.04.2021