Lost Place am Plessower See

Zugewuchert wie das Dornröschen-Schloss: Die Reste der „Burg Zolchow“, deren erste urkundliche Erwähnung aus dem Jahre 1290 stammen soll

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Nach nicht mal sechs Kilometer - von unserer Tourist-Information aus gerechnet - erreichen Radfahrer oder Wanderer über den Europäischen Fern-Wanderweg E 10 ein verstecktes Örtchen, das zu Recht als „Lost Place“ bezeichnet wird. Von der sicher noch viel älteren „Burg Zolchow“, deren erste urkundliche Erwähnung erst aus dem Jahre 1290 stammen soll, findet man allerdings nur noch Reste. 

Hat man die Burg am nordöstlichen Bereich des Plessower Sees gefunden, ist man zunächst von der Schönheit der Natur gefangen. In Sichtweite über das herrlich klare Wasser entdeckt man das gegenüber liegende ehemalige Rittergut Kemnitz, auch die Dorfkirche ist zu sehen. 

Allerdings ist man an der Fundstelle der Burgreste auch fast betäubt, liegt die Ruine doch unmittelbar an der Westseite des Berliner Autobahnringes. Die Strecke wurde Ende der 1930er-Jahre freigegeben. Der Lärm sollte jedoch keinesfalls davon abhalten, den Ort zu erkunden. 

Ein 1938 dort entstandenes Foto zeigt, dass das Haus damals bereits abgetragen war, die gut erhaltenen Kellermauern jedoch die Größe der Wohnanlage sehr gut dokumentieren.

Das rechteckige Wall-Grabensystem, das die Burg umgab, ist heute eingeebnet. Von der Burg aus konnte ein in das Havelland führender Straßenzug, der bei Phöben die Havel querte, kontrolliert werden. Das Schloss, als zuletzt dreigeschossiges Gebäude bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts von den von Rochow-Plessow bewohnt, steht auf einem altem Siedelplatz.Auf der Burgstelle und dem Vorgelände sind bronze- und früheisenzeitliche, mittel- und spätslawische sowie frühdeutsche Reste gefunden worden.

1290 geht die Curia Zolchow, die sich bis dahin als Lehen im Besitz der an der Herrschaftsbildung im Havelland beteiligten von Friesack befunden hatte, an das Brandenburgische Domkapitel über. 1528/29 kaufen die von Rochow Zolchow auf und bilden mit Plessow zusammen eine Sekundärherrschaft.*


Geschichtsinteressierte und Naturliebhaber gleichermaßen können angesichts der überwucherten Mauerreste und der Kellerruine also ihrer Phantasie freien Lauf lassen.

Was könnten die schweren, inzwischen grün bemoosten Feldsteine und die roten Ziegelsteine berichten? Sie würden bestimmt auch von der Familie von Rochow erzählen, die hier in Plessow und Kemnitz über Jahrhunderte zu den einflussreichsten märkischen Adelsfamilien des späten Mittelalters gehörte. Die Familiengeschichte der weit verzweigten von Rochows ist eng verbunden mit der Burg Zolchow. Die ließen sich in Plessow 1335 und 1525 auf der benachbarten Burg Zolchow nieder**. 

 Zuvor hatte  1290 Heinrich von Friesack den Standort der Burg Zolchow den Brandenburger Domherren übereignet. 

In oft unsicheren Zeiten fanden die Domherren dort Unterschlupf. In den mehr als 200 Jahre ihrer Herrschaft auf diesem Gebiet ließen sie einen 12 Meter breiten Graben, der beiderseitig bis zum Plessower See reichte, mit Wall und Zugbrücke errichten und innerhalb des Areals Gebäude erbauen.***

 Die Kellerreste dürften also wesentlich älter sein, als die späteren Auf- und Ausbauten des Hauses durch verschiedene Familienmitglieder derer von Rochow.

Nach 1616 gehörte Zolchow immer zur Plessower Linie der Familie. Plessow selbst, eigentlicher Namesgeber dieser vierten Familienlinie rückte zeitweilig sogar ins zweite Glied. Hauptwohnsitz war das feste Haus Zolchow. Im 18. Jahrhundert war Burg Zolchow Witwensitz.****

Doch nach dem Bau eines neuen Herrenhauses neben dem alten Flügel des Vorgängerbaus in Plessow selbst spielte Zolchow keine große Rolle mehr und wurde verpachtet. 

Um das Gelände einer landwirtschaftlichen Nutzung zuführen zu können, wurde durch Pächter 1805 der Wall eingeebnet und der ehemalige Burggraben mit den Erdmassen zugeschüttet. Durch einen Brand wurde das Wirtschaftsgebäude 1892 stark beschädigt und auch die anderen Bauwerke verfielen zunehmend.

Nachdem das Wohnhaus viele Jahre als Getreide- und Kartoffelspeicher diente, wurde es 1916 abgerissen. Die restlichen kleineren Gebäude wurden dem Verfall preisgegeben. Übrig geblieben sind die denkmalgeschützten Ruinen der Kellerräume, notdürftig von einem durchlöcherten Zaun und verrottenden Planen geschützt.*****

Und natürlich wird Zolchow auch auch in Märkischen Sagen erwähnt: Am Plessowschen See liegt grade dem Dorfe Kemnitz über das Vorwerk Zolchow, hier steht ein altes Schloß, das noch vor wenigen Jahren mit hohem Wall und Graben, über den eine alte Zugbrücke führte, versehen war. Einige sagen, es sei das Stammschloß der Familie von Rochow, und da es sehr fest gewesen, auch ein unterirdischer Gang von Plessow dahin geführt, hätten sich die Rochows, wenn sie dort in Noth gewesen, hierher geflüchtet.

Andere erzählen, es hätten hier Räuber gewohnt, die furchtbar in der ganzen Gegend gehaust, deshalb sei man auch gegen sie gezogen und habe sie hier belagert, aber man habe die Burg nicht einnehmen können. Bei dieser Belagerung soll die Burg namentlich vom See aus angegriffen sein, und man zeigt noch fünf runde Löcher am Nordgiebel, die von hineingeschossenen Kugeln herrühren sollen.******

Aus Kemnitz oder Werder kommend muss man über die kleine Fußgängerbrücke unter der Autobahnbrücke gehen. Nach rechts abbiegend den Weg entlang des Plessower Sees nehmen, befindet sich unser „Lost Place“ nach rund fünf Minuten Fußweg auf der linken Seite. 

Ihre Tourist-Information

Nachweise der Zitate

* Handbuch der historischen Stätten Deutschlands, Zehnter Band Berlin Brandenburg, Herausgeber Dr. Gerd Heinrich
** Heimatgeschichtliche Beiträge 2012, Lothar Schneiderwind, Leitthema „725 Jahre Ersterwähnung Plessow 2012“
*** Plessower Ortsgeschichte zum 725-jährigen Ortsjubiläum, Frank Hentschker und Gerhard Kleissl
**** Wikipedia, Burg Zolchow
***** Wikipedia, Burg Zolchow
****** Adalbert Kuhn: Märkische Sagen und Märchen nebst einem Anhange von Gebräuchen und Aberglauben. Berlin 1843

 

Werder (Havel), 7.05.2021