Weinland Brandenburg – Weinstadt Werder (Havel)

Werder ist nicht nur für Obstwein bekannt. Auch Weiß- und Rotweine reifen hier traditionell. Am 17.10. endet die Saison auf dem Wachtelberg

Fotos: Stadt Werder (Havel) / elfe
Fotos: Stadt Werder (Havel) / elfe

Feinste Tropfen kommen von den Weinbergen an der Havel, und das schon seit vielen hundert Jahren. Denn seit über 800 Jahren wird in der Mark Brandenburg Weinbau betrieben. Unsere Blütenstadt war von Anfang an dabei: Die fleißigen Zisterzienser des Lehniner Klosters hatten die günstige Werderaner Lage erkannt und begannen hier mit dem Weinbau. Viel Messwein wurde für die Kirchen gebraucht, die der Orden in seiner Grundherrschaft hatte.

Auch Theodor Fontane berichtet über die Mönche in seinen „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ und erzählt von der Geschichte des Ordens von seiner Gründung 1098 bis zu seiner Auflösung 1789. Im Jahr 1123 waren die Zisterzienser nach Deutschland gekommen. 1180 wurde das Mutterkloster der märkischen Zisterzienser in Lehnin gegründet. 1780 sollen in Werder 380 Morgen, das sind rund 95 Hektar, mit Wein bebaut gewesen sein.

Heute befinden sich bald ein Drittel der Brandenburger Weinbauflächen in Werder. Die meisten Gäste unserer schönen Stadt sind erstaunt, wenn Sie in der Tourist-Information erfahren, dass unsere vier Weinberge mit insgesamt 11,1 Hektar auf dem 52. Breitengrad liegen, der die nördlichste Grenze des Anbaugebiets Saale-Unstrut definiert. Auf Werders Sandböden wächst ein milder Qualitätswein mit wenig Säure. Und wir sind stolz, mit dem Wachtelberg die landesweit größte Rebfläche zu haben: 6,2 Hektar, die durch den Weinbau Dr. Lindicke bewirtschaftet werden.

1996 übernahm Lindicke den bereits 1985 aufgerebten Weinberg und führt ihn seitdem – einer alten Familientradition folgend - als Familienbetrieb. Hier und auf dem Weinberg Galgenberg wachsen die weißen Sorten Müller-Thurgau, Sauvignon Blanc, Saphira, Kernling, Muscaris und Cabernet Blanc. Regent, Dorfelder und Pinotin sind die roten Sorten. Und Lindickes sind nicht die einzigen, die sich dem Weinbau in Werder angenommen haben.

Werders Weinberge

Der Wachtelberg

Der Weg hoch zum Wachtelberg ist ein lohnender für die Gäste der Stadt, spazieren sie doch durch die Wohnanlage „Wachtelwinkel“ kommend, an der 1890 errichteten Wachtelburg auf der südlichen Seite des Wachtelberges vorbei. Zwar schon lange keine Höhengaststätte mehr – nach Kriegsende erwarben die Sieben Tage Adventisten das markante Gebäude im Burgenstil und betreiben es seither als christliche Begegnungsstätte -, dennoch ein viel fotografiertes architektonisches Kleinod.

Auf dem Wachtelberg angekommen, gibt es in der Saison von Mitte Juni bis Mitte Oktober in der Straußwirtschaft „Weintiene“ den hier wachsenden Wein und kulinarische Kleinigkeiten. Straußwirtschaft („Wenn’s Sträußchen hängt, wird eingeschenkt“) oder Besenwirtschaft mit einem sichtbaren Besen an der Tür heißen die kleinen gastlichen Stätten, in denen die Winzer ausschließlich die selbsterzeugten Weine anbieten. Auf dem Wachtelberg gibt es zur kleinen „Weintiene“ sogar eine Terrasse mit einem schönen Blick über die Reben hinweg auf die Stadt und die Havel. Hier genießt sich bei schönem Wetter der edle Tropfen nochmal so gut. Rund um die „Weintiene“ gibt es jährlich zahlreiche Veranstaltungen und Feste rund um den Wein.

Einen wunderbaren Panoramablick über die Inselstadt hinaus in die Havellandschaft gibt es zudem von einem Aussichtsturm, den die Stadt hier 2018 aufstellen ließ. Dem 20 Tonnen schweren Turm, der bei der Bundesgartenschau 2015 dem Landkreis Potsdam-Mittelmark in der Havelstadt Brandenburg als Präsentationsfläche diente, wurde damit ein nützliches zweites Leben geschenkt.

Der Galgenberg

Auch der Galgenberg, mit seinen 1,4 Hektar wesentlich kleiner, wird in Zusammenarbeit mit dem Werderaner Weinverein von Lindickes bewirtschaftet. Aufgerebt wurde hier 2012, schnell waren 2600 Patenschaften für die 6000 Rebstöcke vergeben. Helfen müssen die Paten nicht, können sich aber – je nach Anzahl der gepachteten Rebstöcke – über eine stattliche Anzahl Weine vom Berg freuen.

Die Stadt Werder (Havel) als Besitzerin der Flächen unterstützt den Weinbau seit jeher vielfältig und freut sich mit den Winzern über einige Auszeichnungen, Preise und Prämierungen für die Qualitätsweine, die sich auch so nennen dürfen. Mit der von mehreren Winzern betriebenen Kelterei in Werder wuchs die Qualität weiter, nun können die Trauben vom Wachtelberg, vom Galgenberg aber auch die vom Phöbener Wachtelberg, vom Königlichen Weinberg in Potsdam und vom Marienberg in Brandenburg an der Havel vor Ort verarbeitet und veredelt werden.

Der Weinverein Werder hat es sich zum Ziel gemacht, den Weinbau im Raum Werder (Havel) als ein Denkmal des märkischen Weinbaus zu erhalten. Die Tradition pflegend, gibt es nicht nur informative Veranstaltungen – Grüne Woche, Osterfeuer, Jungweinproben, Winzerfest oder Mühlenfest – auch einen Bacchus zählt der Verein zu seinen Mitgliedern. Der „Gott des Weines“ sorgt mit seiner Anwesenheit bei vielen Gelegenheiten natürlich für besondere Aufmerksamkeit. Wenn dann noch unsere jeweils amtierende Blütenkönigin mit von der Partie ist, ist der Andrang für ein gemeinsames Foto groß. „Nebenbei“ berichten die Hoheiten gern über unsere Region und ihre Aufgaben als Repräsentanten unserer schönen Stadt.

Der Galgenberg, später lange für den Obstanbau genutzt, befindet sich direkt hinter unserer Tourist-Information und unweit des ältesten Hauses auf dem Festland, dem Scharfrichterhaus. Schaurige Geschichten von Hinrichtungen sind kaum überliefert, dennoch sorgte der Name des Berges und vielleicht ein, zwei Gläser Obstwein bei dem jungen Christian Morgenstern 1895 dafür, den Bund der Galgenbrüder zu gründen. Die „Galgenlieder“ wurden später sein größter Erfolg, inspiriert auch von diesem Besuch in Werder. Wohl zu den ältesten Weinbergsanlagen gehört unser Galgenberg, erstmals aufgerebt wurde hier schon im 16. Jahrhundert.

Bio-Weingut Klosterhof Töplitz

Über die Havel in unseren Ortsteil Töplitz muss, wer sich für den Biowein interessiert. Als einer der ersten in Brandenburg erfüllte Winzer Klaus Wolenski hier die Anforderungen an Bioweine. Seine zertifizierten Weine wachsen auf historisch positiv „vorbelastetem“ Boden. Schon vor 600 Jahren haben die oben bereits genannten Zisterzienser auf der kleinen Insel aufgerebt. 1685 wurden die ersten drei Schweizer Familien hier ansässig. Der Große Kurfürst Friedrich Wilhelm von Brandenburg (1620 – 1688) siedelte hier und zuvor schon in Nattwerder an der Wublitz im Golmer Luch Schweizer Bauernfamilien an. Die hatte er mit vielerlei Vergünstigungen gelockt und angeworben, um den Bevölkerungsschwund und den „Fachkräftemangel“ nach dem verheerenden Dreißigjährigen Krieg zu begegnen. Es gelang, viele fleißige Bauernfamilien kümmerten sich um Äcker und Viehzeug – und um den Weinberg.

Auch der genießt die Vorzüge des Kleinklimas auf der sonnenverwöhnten Insel. Der oft wenige Regen wird durch die alte Zisterne auf dem 54 Meter hohen Weinberg mit den Reben auf drei Hektar wettgemacht. Gelobt werden schon die jungen Weine vom Weingut Klosterhof, die wie die anderen Weine direkt am Hof oder online gekauft werden können. Alle Weine tragen den Titel „Brandenburger Landwein“ und werden direkt am Weingut Klosterhof Töplitz abgefüllt und gekeltert. Im Angebot sind die Weißweine Baccus, Riesling, Weißburgunder, Grauburgunder, Cabernet Blanc, der Roséwein Regent Rosé, die Rotweine St. Laurend, Regent und Spätburgunder, ein Riesling Sekt und als Spezialität den sauren Saft „Verjus“. Alle Weine sind bis auf den lieblichen Grauburgunder trocken ausgebaut. Wie am Wachtelberg gibt es eine „Besenwirtschaft“, die in der Saison geöffnet hat.

Phöbener Wachtelberg

Schon 1996 wurde am Phöbener Wachtelberg aufgerebt. 2011 übernahm Familie Poel den Weinberg, durch Zukauf konnte die Fläche in unserem Ortsteil Phöben auf einen Hektar verdoppelt werden. Auch die Vielfalt wuchs dadurch, zu Dornfelder, Regent, Weißburgunder und Merzling kamen Souvignier gris, Riesel und Trollinger dazu. Inzwischen kann man auf 3800 Weinstöcke blicken. Auch die Winzerfamilie Poel vergibt Weinpatenschaften, die aufwändige Lese wird meist mit Weinfreunden und Paten geschafft. Pro Rebstock erhalten die Paten eine Flasche Wein der eigenen Rebsorte. Online ist der Poelsche Weinladen immer geöffnet.

Den besonders schönen Namen „Kagelwit“ tragen die Weine aus Phöben quasi als Ehrung für den Mönch gleichen Namens, der den Zisterziensern angehörte und in Lehnin sein Mönchsgelübde ablegte. Dietrich Kagelwit würde heute wohl als „workalholic“ bezeichnet. Mit großem Fleiß kümmerte er sich um die Versorgung mit Nahrung und den wirtschaftlichen Betrieb des Klosters Lehnin. 1300 in Stendal als Dietrich von Portitz geboren und 1367 verstorben, machte Kagelwit eine erstaunliche Karriere. Nachdem er das Kloster Lehnin durch seine Arbeit auf wirtschaftlich solide Füße gestellt hatte, trat er in den Dienst des Brandenburger Bischofs Ludwig, wurde später selbst Weihbischof und Bischof in verschiedenen Orten. 1361 wurde er schließlich Erzbischof von Magdeburg, im dortigen Dom ist Kagelwit auch bestattet.

 

Werder (Havel), 14.10.2021