Erinnerung an den Tag der Befreiung in Werder

Worte des Gedenkens zum 8. Mai 1945 von Werders Bürgermeisterin Manuela Saß.

Bügermeisterin Manuela Saß hat heute Morgen mit der Vorsitzenden der Stadtverordnetenversammlung Anette Gottschalk und dem Werderaner Ehrenbürger Werner Große am Denkmal „Den Opfern von Krieg und Gewalt“ auf dem Alten Friedhof der Opfer des 2. Weltkrieges gedacht. Am Denkmal wurde ein Blumengebinde niedergelegt.

Weitere Gebinde wurden zum 75. Jahrestages der Befreiung an den Gedenkorten in Kemnitz, Plötzin und Töplitz niedergelegt. Am Nachmittag nahm die Bürgermeisterin an einer Gedenkveranstaltung des überparteilichen Aktionsbündnisses „Weltoffenes Werder“ auf dem Neuen Friedhof statt.

Worte des Gedenkens von Bürgermeisterin Manuela Saß

„Meine sehr geehrten Damen und Herren,

es ist außerordentlich wichtig, auch in diesen nicht einfachen Zeiten zu gedenken. Es ist wichtig, an die schreckliche Zeit des Faschismus zu erinnern und nicht zu vergessen. Es ist wichtig, die schrecklichen Geschehnisse weiterzugeben, damit nicht vergessen wird. Und vor allem ist es wichtig, engagiert gegen jede Form des Extremismus, der Fremdenfeindlichkeit und des Hasses einzustehen.

Dafür gedenken wir heute, an diesem 8. Mai, dem 75. Jahrestag der Befreiung, dafür engagieren wir uns mit einem klaren Bekenntnis zum Frieden und dafür arbeiten wir auch in der weltweit agierenden Organisation Mayors for Peace, gegründet 1982 vom Bürgermeister Hiroshimas, mit.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

lassen Sie uns auf die Tage im Mai 1945 in unserer Stadt Werder blicken: Fünf Tage vor der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht sind in der Stadt Werder (Havel) die Rotarmisten einmarschiert. Werder war Garnisonstadt mit einem Fliegerhorst der Luftwaffe, pflegte aber in den Tagen vor dem Kriegsende zugleich den Ruf als Lazarettstadt.

An jenem denkwürdigen 3. Mai flatterten Laken und Tischtücher an den Häusern. Die Kirchtürme, die Mühle, das Rathaus, die Bürgerhäuser blieben unversehrt, als die Rote Armee mit Panzern, motorisierten Einheiten und pferdebespannten Panjewagen einmarschierte.

Es waren wenige Zeilen, die die Stadt vor der Zerstörung bewahrt hatten. Aufgesetzt und unterschrieben hatte sie der Werderaner Arzt Johannes Bamberg, Standortarzt für die 21 Kriegsgefangenenlager der Region und drei Lazarette:

Werder hat im Frieden etwa 11 000, jetzt mit den Flüchtlingen etwa 18- bis 20 000 Einwohner. Kampfkräfte befinden sich nicht in der Stadt. Es sind hier 3 größere Lazarette mit etwa 1100 bis 1200 Verwundeten, darunter Schwerverwundete, eingerichtet. Dem gemäß erkläre ich Werder zur Lazarettstadt. Ich bitte um Bekanntgabe der Bedingungen, unter denen ein Beschuss unterbleiben würde.

Am 3. Mai kommt die Antwort des sowjetischen Stabes von der anderen Havelseite in Wildpark-West: Alle Häuser seien mit weißen Fahnen zu versehen, die Einwohner sollten beim Einmarsch der Rotarmisten in den Häusern bleiben und die Übergabe um 18 Uhr stattfinden. So kommt es, wobei befreite Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene die Truppen mit Fliedersträußen in Empfang nahmen.

Ein Besucher, der einige Tage später durch Werder geht, staunt, dass nicht mal eine Fensterscheibe zersprungen ist.

Kurt Pape und Alfred Schultze haben die Erinnerung an jene Tage im Buch„Werder (Havel) 1945 – Zwischen fünf vor zwölf und fünf nachzwölf“ bewahrt, dafür vielen Dank.

Unsere Gedenken gilt an diesem 75. Jahrestag der Befreiung den Opfern der zwölf Jahre währenden Nazidiktatur. Es gilt heute vor allem auch denen, die unter unvorstellbaren Verlusten die nationalsozialistische Terrorherrschaft beendet haben, sowohl in den Reihen der westlichen Alliierten als auch auf Seiten der Roten Armee.

Der Offizier der russischen Armee N. Gerassimow hat am 3. Mai 1945 in einem Notenbuch mit Kompositionen von Beethoven dem Wirt des Gasthauses „Baumgartenbrück“ die folgenden, nachdenklich stimmenden Worte hinterlassen:

Mögen die, deren Leben noch vor ihnen liegt und blühen wird in goldigen Sonnenstrahlen, daran denken und sich erinnern, daß wir oft vergessen haben zu essen, daß wir mitunter nicht wußten, ob es Tag oder Nacht ist, daß wir mit einem Lied in den Tod gingen, damit ihr – die junge Generation – nicht mehr so etwas erlebt, was wir erlebt haben.“

Werder (Havel), 8.05.2020